In diesem zeitweise persönlichen Artikel beschreibe ich meine Gedanken und Erfahrungen als jemand, der mit 39 Jahren begonnen hat zu trommeln und sonst nur wenig musikalische Vorerfahrung mitbringt.
Was bisher geschah
Vor seinem 7ten Geburtstag frug ich mein seinerzeit gerne lärmendes Kind, ob es Schlagzeug lernen möchte und dafür auf weitere Geburtstagsgeschenke verzichten würde. Überraschenderweise war das Kind sehr einverstanden. Da ich selbst als Kind in ähnlichem Alter auch einen Drang zum Schlagzeug verspürt hatte, aber meine Eltern mich anstattdessen mit einer unverstärkten Nylongitarre und Liedern wie Alle Jahre wieder abgespeist hatten*Selbstverständlich habe ich kaum geübt und nach 2 bis 3 Jahren aufgehört und für bestimmt 10 Jahre keine Gitarre mehr angefasst., war das auch für meine persönlichen Bedürfnisse höchst erfreulich. Nachdem wir für den Nachwuchs Unterricht schnell gefunden und ein Yamaha DTX6 E-Drumkit bei einem großen, eher enttäuschenden Musikladen erworben hatten, saß auch ich selbst regelmäßig am Schlagzeug. Ich übte deutlich öfter und vor allem freiwilliger als das Kind. Ich erinnere mich noch gut, wie ich verzweifelt versuchte, meine Gliedmaßen zu motivieren, folgenden Soca-artigen Rhythmus zu spielen:
Zählzeit | 1 e & a | 2 e & a | 3 e & a | 4 e & a |
Hi-Hat | x - x - | x - x - | x - x - | x - x - |
Snare | - - - o | - - o - | - - - o | - - o - |
Bass-Drum | o - - - | o - - - | o - - - | o - - - |
Ein paar Monate später bekam ich ebenfalls einen freien Platz beim Schlagzeuglehrer des Kindes. Da nach meinem Vorurteil nur Kinder Musikunterricht bekommen und Erwachsene das schon können, fühlte ich mich auf dem Weg zum Unterricht immer etwas komisch. Ich fand jedoch heraus, dass es weitere erwachsene Schüler gab. Meinem komischen Gefühl war das egal. Jedenfalls war meine Auffassungsgabe zwar nicht mehr die jüngste, aber mit dem gar nicht übenden Kind konnte ich mithalten*Mittlerweile üben meine Kinder ein bisschen. Wie ich versuche, beide zum Üben zu motivieren werde ich evtl. in einem anderen Beitrag darlegen.. Zugegeben, ich hatte etwas musikalische Vorerfahrung durch das spärliche Spiel von Gitarre und Bassgitarre. Zu Beginn übte ich vielleicht 5-10 Minuten an den meisten Tagen und machte merkbare Fortschritte. Leider war ich damals wie heute nicht finanziell unabhängig und tauschte große Teile meiner Zeit gegen Geld. Außerdem hatte ich mir aus Angst vor einer Midlife-Crisis weitere Nebenher-Beschäftigungen wie Fußball-Jugendtrainer oder Rust-Dozent zugelegt. Da blieb nicht viel mehr Zeit.
Nach einem Jahr fanden einige meiner Kollegen heraus, dass ich mit dem Schlagzeugspielen begonnen hatte. Folgerichtig versammelten wir uns in einer Waschküche, nachdem wir ein paar Lieder eingeübt hatten, und vergnügten uns gemeinsam. Meine Kollegen waren größtenteils deutlich erfahrener mit ihren Instrumenten, E-Gitarre, E-Bass und Keyboard* oder Synthesizer oder E-Flügel. Ich weiß gar nicht so genau, was der da spielt.. Erwartungsgemäß verspürte ich von Beginn an das Imposter-Syndrom. Daran war ich aber schon aus anderen Bereichen meines Lebens gewöhnt und versuchte es einfach zu ignorieren. Das gemeinsame Musizieren nahm im Laufe der Zeit mehr und mehr Fahrt auf. Bandmitglieder fingen an, eigene Songs zu schreiben. Wir ersetzten die Waschküche durch einen Proberaum mit einem Akustikset. Zu einem Auftritt hat es bisher noch nicht gereicht. Ein fast-40-Schlagzeuganfänger auf der Bühne ist sicher auch etwas anderes als der Auftritt eines Kindes, das gerade sein erstes Instrument erlernt.
Ist es wirklich nie zu spät?
Wenn man sich im weltweiten Netz umschaut, findet man zahlreiche Beiträge12, die unisono behaupten, es sei nie zu spät, mit dem Schlagzeugspielen zu beginnen. Jeder Tag, den man noch nicht angefangen hat, wird ehrlicherweise als verpasst gebrandmarkt. Der beste Zeitpunkt sei jetzt, heißt es oft. Alle Beiträge, die ich bisher gesehen habe, stammen übrigens aus Quellen, die selbst im Kindesalter mit dem Musizieren angefangen haben. Es sei nie zu spät klingt gut. Nur wofür ist es eigentlich nicht zu spät? Es folgt meine persönliche Einschätzung in Tabellenform. Sie ist sortiert von nie zu spät bis quasi unmöglich.
| Zu spät zu...? | Ein Instrument erlernen und aus Spaß an der Freude musizieren |
|---|---|
| Ich denke: | Dafür ist es nie zu spät. |
| Zu spät zu...? | Mit anderen in einer Band spielen |
| Ich denke: | Dafür ist es nie zu spät. |
| Zu spät zu...? | Mit einer Hochzeits- oder Coverband etwas dazu verdienen |
| Ich denke: | Vielleicht, nachdem man ca. 5-10 Jahre diszipliniert geübt hat? Ich kenne keine Datenpunkte. Mit hinreichend musikalischer Vorerfahrung geht das bestimmt auch schneller. |
| Zu spät zu...? | Schlagzeug unterrichten |
| Ich denke: | Wer Schüler findet, kann unterrichten. Seinen Familienmitgliedern Rhythmen beibringen geht relativ schnell. Um als Lehrer signifikante Einnahmen zu erzielen, braucht es wahrscheinlich eine Weile. |
| Zu spät zu...? | Schlagzeug-Youtuber werden |
| Ich denke: | Die meisten lehrenden, covernden oder mit krassen Fills angebenden Youtube-Drummer, die ich gesehen habe, haben als Kind angefangen. Vielleicht fällt einem eine Nische ein, die nicht so viel Können erfordert. |
| Zu spät zu...? | Rockstar werden |
| Ich denke: | Meg White hat 1997 mit 23 Jahren mit dem Schlagzeugspielen begonnen und im gleichen Jahr die White Stripes gegründet*https://en.wikipedia.org/wiki/Meg_White. Das war nur 6 Jahre vor dem Welthit Seven Nation Army. Dass sie abseits des Schlagzeugs musikalische Vorerfahrung hatte, konnte ich nicht bestätigen. Meg White ist anscheinend eine Ausnahme. Die allermeisten erfolgreichen Rockstars haben im Kindesalter angefangen. |
| Zu spät zu...? | Studio-Schlagzeuger werden und gegen Geld Schlagzeugtracks für professionelle Musikproduktionen einspielen |
| Ich denke: | Im Zeitalter von KI*Buuuuh! klingt leider das nach einer unsicheren Berufswahl. Ich habe mal gehört, man brauche etwa 10000 Stunden*Bei 2 Stunden Üben am Tag sind das über 13 Jahre, bei 30 Minuten über 54 Jahre. um etwas wirklich gut zu beherrschen. Ich glaube, Studioschlagzeuger beherrschen ihre Instrumente üblicherweise wirklich gut. |
| Zu spät zu...? | Weltklasse werden |
| Ich denke: | Dazu sollte man als Kind anfangen und sehr viel üben. Beispiele*Das ist jetzt auch viel Höhrensagen oder Geschmack. Ich kann nicht objektiv beurteilen ob das alles Weltklasse Schlagzeuger sind. mit dem Anfangsalter in Klammern: Vinnie Colaiuta (7), Steve Gadd (3), John Bonham (5), Dave Weckl (8), Jeff Porcaro (7), Danny Carey (10), Chad Smith (7), Stewart Copeland (13), Annika Nilles (6), Thomas Lang (5), Benny Greb (6) |
Wenn man einfach nur alleine oder in einer Gruppe Spaß haben und den Geist fit halten will, dann ist es wirklich nie zu spät. Und das ist wirklich toll! Wenn man aber ein Ehrgeizling ist und/oder es deutlich über ein Hobby hinaus gehen soll, dann kann man wahrscheinlich nicht früh genug anfangen. Es muss vielleicht nicht unbedingt Schlagzeug mit 3 sein, aber als Kind mit einem Instrument*Aufgrund meiner Studie mit Stichprobengröße 1 denke ich, eine klassische Klavierausbildung ist dem späten Schlagzeugspiel zuträglich. angefangen und über viele Jahre regelmäßig und intensiv geübt zu haben, oder möglicherweise der Besuch einer Musikhochschule, das holt man mit 40 nicht mehr so einfach auf. Vor allem wenn man sich nur nebenher etwas Zeit freischaufeln kann. Ich habe noch von keiner Person gehört, die mit 40 gesagt hat, ihre bisherige Karriere sei ihr egal und sie spiele ab jetzt viele Stunden am Tag Schlagzeug. Gibt es das*Im Internet gibt es angeblich alles.? Und was wird der Ausgang davon sein? Falls jemand so eine Geschichte kennt, lasst es mich wissen. Meine Vermutung ist, dass die meisten Menschen, die mit 40 Schlagzeug spielen, viel früher angefangen haben. Wer mit 40 anfängt, ist wahrscheinlich für deutlich längere Zeit als ein Kind, das nicht schnell aufhört, ein im wahrsten Sinne des Wortes unterdurchschnittlicher Schlagzeuger in seiner Altersklasse. Des Weiteren ist die Wahrscheinlichkeit seeehr viel geringer, dass der Traumberuf des international gefeierten Profimusikers irgendwann Wirklichkeit wird. Naja, Erwachsene träumen weniger anspruchsvoll und immerhin darf man sich Schlagzeuger nennen.
Eine anderer Winkel, aus dem man die Frage beleuchten könnte, ist, ob der körperliche und geistige Verfall schon zu weit fortgeschritten ist und das Erlernen sehr stark erschwert wird. Ich kann bestätigen, dass es sich manchmal so anfühlt. Glücklicherweise kommt das bei mir nur spärlich zum Vorschein. Aber dann gerne hartnäckig. Klar ist auch, dass ich nicht mehr über das aufsaugende Schwammgehirn eines 7-jährigen Kindes verfüge. Dafür weine ich auch nicht, wenn mir etwas nicht zufliegt. Höchstens ein bisschen.
Vorteile des Spätstarts
Es ist nicht alles schlechter, wenn man später anfängt. Man hat die Flinte noch nicht ins Korn geworfen, weil man keine Lust auf nerviges Üben hatte. Manchmal erträgt man Schweiß und Tränen um später umso mehr Glück zu ernten, weil man weiß, dass es dazu gehört. In den fast vier Jahren, in denen ich jetzt Schlagzeug spiele, habe ich an mehr Tagen am Kit gesessen als nicht. Bei Autofahrten bevorzuge ich mittlerweile den Beifahrersitz, damit ich auf meinen Oberschenkeln, einem Pad oder dem Interieur zum Leidwesen meiner Mitfahrer trommeln kann. In Meetings mache ich hin und wieder sehr unauffällige Bass-Drum-Übungen mit den Beinen*Andere gehen auf einem langweiligen Laufband.. So weit denken Kinder oft nicht. Eventuell steht man gar in Lohn und Brot oder kann auf anderen monetären Zufluss zugreifen, der einem erlaubt, Unterricht zu finanzieren und mehr Equipment zu kaufen als man benötigt, ohne auf die Gunst anderer meinungsstarker Personen wie Eltern angewiesen zu sein.
Was ist denn nun mit der Midlife-Crisis
Das kann ich gar nicht beurteilen. Entweder wurde meine Midlife-Crisis durch das Schlagzeugspielen und vielleicht weitere Ablenkungen verhindert, oder ich hätte eh keine bekommen, oder ich habe eine, aber weiß es nicht. Wenn mir hier jemand ob des Begriffs Midlife-Crisis Click-Bait vorwirft, dann bekenne ich mich teilschuldig. Jedenfalls habe ich seit fast 4 Jahren Spaß am Schlagzeug und plane meine Schlagzeugerfahrungen in Zukunft öfter in diesem Log aufzugreifen.